Draisradfahrer aus Westgartshausen - Verrückte auf Holzrädern
„Du bisscht doch aa a bissle bescheuert. Fir Di wär des doch aa wass. Beim Volkschfescht beim Holzrodrenna mitfoara, Auf, do mechst mid“! So Hermann Wagner im einheimischen hohenlohischen Dialekt im Jahre 1994 zu Arno Ferchow. Da sich Arno wohl selbst auch für „a bissle“ verrückt einschätzte, war er gleich dabei. Von Werner Grübler, dem Organisator der Radabteilung des TSV Crailsheim, welche die Draisradrennen seit 1973 organisiert, war schnell eines der sehr wackligen Holzräder zu bekommen.
Nun hieß es, Vorbereitungen auf das Rennen, das immer am Volksfestsonntag nach Estomihi im September in Crailsheim stattfindet, zu treffen. Also, mal rauf auf das Holzrad und hinten zum Dorf raus gefahren. „Mei, das wackelt ja gscheit, gar nicht so einfach, das Gleichgewicht zu halten“. Plötzlich merkten Hermann und Arno, dass sie nicht mehr schmerzfrei sitzen konnten. Das Hinterteil und das noch empfindlichere Teil taten ungeheuerlich weh. Am Abend stellten sie fest, dass sie eine Hautentzündung hatten, - später wussten sie, dass dies mindestens 1 Woche Trainingspause bedeuten würde -, zudem brannte die Harnröhre beim Wasser lassen beträchtlich. Aber nach einigen Wochen Training hatte sich die zwei an alle Draisradwidrigkeiten gewöhnt. Aufgetragene Pferdesalbe beschleunigte – wenn nötig - den Heilungsprozess.
Das Rennen
Das Rennen nahte. Ob man am Samstag Abend früher als sonst vom Volksfescht nach Hause gehen solle? Würde sich das Opfer lohnen? Man werde einen Mittelweg finden beschloss man dann.
Volksfeschstsonntag, so früh steht man an diesem Tag normalerweise nicht auf. Beim Anmelden zum Start bei Werner Grübler und seinen Helfern wunderten sich unsere zwei Westgartshäuser Heros, dass sogar schon einige Zuschauer da waren. Eine Trainingrunde musste auf jeden Fall gefahren werden. Dabei stellten die beiden fest, dass tatsächlich schon mehrere Zuschauer auf mitgebrachten Campingstühlen saßen, andere wiederum ihre Sektstände aufbauten. Bis zum Beginn des Rennens waren es dann sage und schreibe ca.
10 000 Zuschauer, wie man am darauf folgenden Montag in der Zeitung lesen konnte.
Während des Rennens gaben unsere Jungs alles, sie wollten nicht zu denen gehören, die einfach so zur Gaudi mitfahren.
Die Anfeuerungsrufe der Zuschauer, die sie aufgrund ihrer gebuckelten Rennhaltung nicht sahen, aber sehr wohl hörten, bauten sie gewaltig auf:
„Auf geht’s, Hermann, lass krachen“, „Super Arno, greif oa“, „Hermann, gib Gas“, „Arno, du bisch droa“. Am Ende des Rennens wirkten sie glücklich wie Olympiasieger. Einen Platz unter den ersten 30 bei 59 Teilnehmern, das fanden sie toll. Das anschließende Weizen im Cafe Kett tat dem Wohlbefinden äußerst gut und förderte die Regeneration beträchtlich.
Im nächsten Jahr kam Locke (Thorsten Rögele) dazu. Der wurde bei seinem ersten Rennen sensationell gleich Fünfter und zählte im Jahr darauf zu den Favoriten.
Die Trainingsgruppe
Im Laufe der Jahre vergrößerte sich die Gruppe aus Westgartshausen. Mit beim Training sind jetzt Klaus Huck, sowie die Youngster Janis Wagner und Julian Ferchow. Thilo Vittinghoff Theresa Kett und Sven Macher sind gelegentliche und gern gesehene Trainingsgäste. Man trifft sich am Binsenwäldle, um dann auf der gemeinsamen Trainingsstrecke nach Goldbach und zurück in der Formation des „Belgischen Kreisels“ die Fußgänger und Radfahrer zu erschrecken.
Die Sieger
Mit nicht wenig Stolz kann darauf hingewiesen werden, dass die Westgartshäuser Gruppe mit Julian Ferchow seit 2007 ununterbrochen den Sieger bei der Männerwertung und mit Theresa Kett seit 2008 die Frauensiegerin stellt. Sven Macher landete 2009 als Dritter auf dem Treppchen. Janis Wagner und Klaus Huck sind in den letzten Jahren feste Größen unter den ersten 10. Die Oldies Hermann Wagner und Arno Ferchow schaffen es meist unter die ersten 15 bzw. 25, wobei zu erwähnen ist, dass beide mit alten, schweren und wackeligen Draisinen mitfahren.
Locke
Wo aber bleibt aber Locke? Dessen Ergebnisse hängen immer davon ab, ob er während des Rennens eine Trinkpause einlegen muss oder ob er durchstarten kann.
Neue Mitfahrer
Neue Leute sind beim Training gerne willkommen. Ab Juni sieht man die Gruppe von Westgartshausen nach Crailsheim und von dort nach Goldbach düsen. Natürlich auch wieder zurück. Einfach Kontakt (07951/7436) aufnehmen. Aber, merkt Euch, ein klein bisschen verrückt muss man schon sein.
Historie
Hier noch ein paar Erläuterungen für historisch Interessierte zum Holzrad aus dem Lexikon:
Erfunden hat das einspurige Zweirad Karl Drais, damals noch Freiherr, 1817 in Mannheim. Es wird angenommen, dass die Erfindung auf den Hafermangel und das folgende Pferdesterben infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora und des dadurch ausgelösten Jahres ohne Sommer 1816 zurückgeht.[2] Der Fahrer saß zwischen den Rädern und stieß sich mit den Füßen am Boden ab. Diese hölzerne, von ihm selbst so genannte „Laufmaschine“ hieß nach ihm in der Presse bald „Draisine“. Häufig wird unter diesem Begriff auch die 1837 in Wien als Zweirad erfundene Eisenbahn-Draisine verstanden. Drais selbst erprobte dann 1843 eine vierrädrige Eisenbahn-Draisine mit Fußtrommel-Antrieb.
Die Drais’sche Laufmaschine war von vornherein mit dem Vorderrad lenkbar, wodurch das fahrende Zweirad auch ohne Kontakt der Füße zum Boden im Gleichgewicht gehalten werden konnte. Bei dieser Erfindung nutzte Drais die Entdeckung aus, dass einerseits durch die Verringerung der Räderzahl der Rollwiderstand vermindert werden kann, während zugleich durch Ausnutzung der Kreiselkräfte der Räder die Lage des Zweirades stabilisiert wurde. Allerdings mussten die Erwachsenen erst das ungewohnte Balancieren im Zusammenspiel von Laufen und Lenken erlernen.
Werner Grübler und Wolfgang Frank
Die Draisräder für das Crailsheimer Volksfestrennen baute seit 1973 Werner Grübler aus Wittau, finanziert von der Radsportabteilung des TSV Crailsheim. Vor einigen Jahren entwickelte Wolfgang Frank aus Stimpfach ein neues Modell, die so genannte „High Teck Serie“. Jedes Jahr baut er 2 oder 3 neue Räder. Sie sind meist für die neuen jungen Talente reserviert und aufgrund ihrer hohen Qualität sehr begehrt.
Das Rennen wird auch von der Stadt Crailsheim stark gefördert. Der Oberbürgermeister lässt es sich nicht nehmen, am Ende des Rennens die Siegerehrung persönlich vorzunehmen.



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